Cape Wrath Trail: Wenn eine Trekkingtour misslingt…

Eine Trekkingtour von 370 km von Fort William bis zum nördlichsten Punkt am schottischen Festland, Cape Wrath – das war der Plan. Was ein 3-wöchiges Solo-Abenteuer werden sollte, endete früher als erwartet. Der Cape Wrath Trail, „Britain’s Toughest Trail“, bewies sich als harter Gegner, sogar bevor es überhaupt richtig „tough“ wurde…

 

 
Im Herbst 2016 kam mir die Idee eine längere Solo-Trekkingtour zu unternehmen. Bereits seit Monaten brodelte es in mir. Ich musste raus, meine Komfortzone verlassen und ein richtiges Abenteuer erleben. Aber wohin? Da ich 2016 bereits in Skandinavien unterwegs war (wie du hier lesen kannst), wollte ich eine neue Region entdecken. Da ich kein großer Fan ausgetretener Pfade bin, musste es etwas Einzigartiges sein – unberührte Natur, abseits der Zivilisation, aber in Europa. Nach etwas Recherche im Internet, bin ich auf den Cape Wrath Trail (oder „Britains Toughest Trail“) in Schottland gestoßen. Nicht ganz so fernab der Zivilisation, wie ich es mir erhofft hatte, aber dafür hörte es sich ziemlich spannend an. Ich hätte mich auch mit dem bekannten West Highland Way zufrieden geben können, aber ich lege die Latte gerne (zu) hoch.

Schnell war klar, meine Reise sollte im Mai 2017 stattfinden. 3 Wochen habe ich mir dafür freigehalten und angefangen zu planen. Monatelang war ich damit beschäftigt, alles über den Cape Wrath Trail rauszufinden und mich physisch und psychisch auf das Abenteuer vorzubereiten. Anfang Mai 2017 habe ich mich dann auf den Weg nach Schottland gemacht. Ich träumte schon seit Tagen von kuschelig warmen Nächten im Zelt, wunderschöne Landschaften und wilde Natur. Nur ich und die Wildnis und nur gelegentliche Begegnungen mit der Zivilisation. Doch bereits beim betreten des Flugzeugs holte mich die Realität schnell ein. Selbstzweifel kamen auf, was habe ich mir dabei bloß gedacht? Warum tue ich mir das an? Aber bevor ich mich umentscheiden konnte, waren wir bereits in der Luft und kurz darauf in Edinburgh. Da musste ich jetzt durch. Ich habe nicht um sonst so viel Zeit in die Planung und Vorbereitung gesteckt. Ich würde das schon packen.

Mit dem Bus ging es weiter nach Glasgow, wo ich mich in den nächsten Bus nach Fort William setzte. Jetzt fing die Vorfreude richtig an. Die Sonne schien und die Fahrt nach Fort William war einfach unbeschreiblich schön. Es war doch die richtige Entscheidung gewesen, hierher zu kommen.

 

 
Da stand ich dann, mitten am Busbahnhof von Fort William und keinen blassen Schimmer wo ich jetzt hingehen sollte. Für jemanden, der extrem präzise bei der Vorbereitung vorgeht, hatte ich erstaunlich wenig Zeit in die Recherche meines Campingplatzes investiert. Ich wusste, dass es einen Bus bis zum Campingplatz gibt, aber wo dieser Bus wegfährt, weiß ich bis heute nicht. Dann eben zu Fuß weiter. Deswegen war ich ja da, zum Wandern. Mein etwas verdutzter Blick machte einen älteren Herrn auf mich aufmerksam. Ob er mir helfen könne? Ja bitte! Und so lief er ein paar Meter mit mir mit um mir den Weg zu zeigen. Er war selber gerade auf dem Weg zurück in seine Unterkunft, denn morgen wollte er auf den Great Glenn Way starten. 63 Jahre jung war der gute Mann. Mal wieder ein schöner Beweis, dass man nie zu alt für ein kleines Abenteuer ist. Wir plauderten ein wenig und dann verabschiedete er sich als wir in der Nähe seiner Pension kamen. Für mich ging es noch gute 20 Minuten zu Fuß weiter. Der Campingplatz war dann doch etwas weiter vom Zentrum entfernt als ich dachte, aber nach einem langen Reisetag war mir die Wanderung ganz recht.

2 Übernachtungen hatte ich geplant, bevor es dann endlich auf den Trail ging. Die letzten Einkäufe mussten noch erledigt werden (Gas und viele Snacks) und Fort William wollte ich mir auch mal ansehen. Am nächsten Morgen traf ich unterwegs zur Stadt wieder auf meinen Freund vom Vortag. Er war gerade auf den ersten Kilometer seiner Tour, die zufällig am Campingplatz vorbeiführten. Irgendwie machte es mich neidisch, ich wollte auch starten, aber ich musste mich noch einen Tag gedulden. Den Tag verbrachte ich mit Windowshopping, Kaffeetrinken, Supermarktbummeln und einer Fressorgie bei McDonalds (noch einmal richtig vollfressen bevor es 3 Wochen lang nur Tütenmahlzeiten gibt). Zurück am Campingplatz musste das Neugekaufte in den Rucksack verstaut werden, was mich dann doch etwas verzweifeln ließ. Das war viel mehr als geplant! Ich hatte mich im Supermarkt zu sehr gehen lassen. Naja, auf die 1-2 Kilo extra würde es jetzt auch nicht mehr ankommen…

 

 
Am nächsten Morgen war es dann endlich soweit! Pünktlich zum Start entdeckte ich ein Loch in meinen Socken und eine Minute später riss einer meiner Schnürsenkel (war das vielleicht ein schlechtes Omen?). So war ich gezwungen in voller Montur noch mal die Geschäfte abzuklappern, auf der Suche nach Ersatz. Ein letzter Kaffee ging sich dann auch noch aus, bevor ich mit der Highland Ferry zum anderen Ufer von Loch Linnhe, nach Camusnagaul fuhr. Die ersten Kilometer würde ich eine Straße entlang des Loch Linnhe folgen. Die Sonne schien, es war warm und die Straße war leer – der perfekte Start für mein Abenteuer. Jegliche Selbstzweifel waren verschwunden und ich genoss jeden Schritt auf der Teerstraße. An einer Flussmündung fand ich ein sonniges Plätzchen für meine Mittagspause. Schuhe aus, Hose hoch gekrempelt und einfach ein Stündchen den Schafen bei Ihrem Alltag zuschauen. Total entspannt lag ich im Gras bis mein Auge etwas auf meinem Arm erblickte. War das eine kleine Spinne oder…? ZECKE!!! Bei genauerem hinschauen entdeckte ich noch ungefähr 15 Exemplare. Vorbei mit der Ruhe! Das war mir definitiv zu viel, nichts wie weg hier.

Endlich ging es auf einer Schotterstraße in Richtung Wildnis, rein in das Tal Cona Glen. Schon schnell war ich nur noch umringt von Natur und schottischen Hochlandrindern, die mich ge­naus­tens beobachteten. Beim Rückblick waren keine Häuser mehr zu sehen, nur Wald, Wiesen und Berge – jetzt war ich wirklich alleine. Beim Anblick war mir dann doch etwas mulmig. Da musst du also heute Nacht alleine Schlafen… Ich wollte nicht zu lange daran denken und lief zielstrebig weiter. Ich musste heute unbedingt mehr als 15 km schaffen, damit die morgige Etappe nicht zu lang werden würde. Am nächsten Tag war ja noch ein Anstieg von ca. 300 hm geplant und dafür wollte ich mir reichlich Zeit lassen.

 

 
Der Abend kam dann doch schneller als gedacht und es wurde langsam Zeit einen geeigneten Zeltplatz zu finden. Leichter gesagt als getan, denn das Flussufer war entweder zu felsig oder zu nass und am Hang lies sich keine ebene Stelle für das Zelt finden. Soweit das Auge reichte keine einzige Möglichkeit. Mir blieb nichts anderes übrig als weiterzulaufen, in der Hoffnung, dass sich nach der nächsten Kurve ein kleiner Grasflecken finden würde. Nach einer Stunde fand ich dann endlich einen geeigneten Platz zwischen 3 Bäumen, direkt am Ufer. Somit bot sich auch eine Katzenwäsche im eiskalten Wasser an. Zum Kochen war ich eigentlich zu müde und Hunger hatte ich auch nicht wirklich, aber ich habe mich trotzdem gezwungen eine warme Mahlzeit zu essen um meine Energiereserven aufzufüllen. Im Zelt, eingekuschelt in meinen Schlafsack, war ich dann doch froh eine Nacht in der Einsamkeit zu verbringen. Angst hatte ich keine, aber den Schlaf habe ich nie so wirklich gefunden. Der Kopf wollte einfach nicht ganz abschalten und sorgte dafür, dass ich gefühlte 100 mal in der Nacht aufwachte.

Eine erholsame Nacht schaut anders aus, aber es ging weiter. Aufstehen war gar nicht so einfach, zumehr es draußen eher trüb aussah. Aber beim Anblick zweier Zecken auf meinem Schlafsack war ich gleich Putzmunter. Die 2 Kollegen hatte ich am Vortag wohl übersehen. Viel zu lange brauchte ich letztendlich um meine Sachen zu packen und mich auf den Weg nach Glenfinnan zu machen. Nach einigen Kilometern ging es bergauf zum höchsten Punkt dieser Etappe. Oben angekommen fing es an zu nieseln – so hatte ich mir das aber nicht vorgestellt.

 

 
Ich merkte bereits, dass meine Knie etwas beleidigt waren, aber mit mehr als 17 kg auf dem Rücken waren ein paar Wehwehchen vorhersehbar. Worauf ich nicht bedacht war, dass die Schmerzen immer schlimmer wurden und mich beim Abstieg nach Glenfinnan regelrecht zur Schnecke machten. So ging das nicht weiter. Wie sollte ich denn die nächsten Tage überstehen? Ab Glenfinnan beginnt einer der einsamsten Teilstrecken des Cape Wrath Trails, der durch wildes, wegloses Gelände führt. Wenn die Knie dort nicht mitmachen würden, wäre ich gezwungen die Bergrettung zu rufen und das war definitiv keine Option für mich. Sollte ich aufgeben? Es blieben mir noch einige Kilometer zum nachdenken, bis ich es nach Glenfinnan schaffte – die letzte „Fluchtmöglichkeit“ vom Trail. Eine Begegnung mit einem anderen Wanderer hatte mich zuvor schon nachdenklich gemacht – er hüpfte davon mit lediglich 8 kg auf dem Rücken, ich dahingegen musste mich bei jedem Schritt anstrengen nicht vor lauter Erschöpfung umzukippen. Das waren keine guten Voraussetzungen…

War ich wirklich diesen weiten Weg gereist, bloß um am 2. Tag aufzugeben? Eine harte Frage, die ich für mich letztendlich mit ja beantworten musste. Es ging einfach nicht. Das rechte Knie schmerzte bei jedem Schritt und der Gedanke, das noch gute 3 Wochen durchzustehen war einfach unrealistisch. Der Entschluss wurde nur 2 Kilometer vor Glenfinnan gefasst. Mein Plan war eine Nacht in Glenfinnan zu Zelten und am nächsten Tag mit dem Bus nach Fort William zurückzufahren. Das Besucherzentrum in Glenfinnan hatte nur noch 10 Minuten geöffnet als ich dort eintraf. Auf die Frage ob es irgendwo einen geeigneten Zeltplatz gab, wurde ich auf den Parkplatz nebenan verwiesen. Beim Anblick der Schotterfläche direkt neben der Straße wollte ich dann doch lieber gleich nach Fort William fahren. Den letzten Bus hatte ich aber nur um wenige Minuten verpasst, also blieb mir nichts anderes übrig, dachte ich. Eine Frau, die mein Gespräch im Besucherzentrum mitverfolgt hatte, bot an mich nach Fort William mitzunehmen. Wie sich herausstellte war Sie (Susanne) Deutsche und hier gerade auf Urlaub mit ihrem Mann (Stefan). Die beiden sorgten für gute Stimmung und nach ca. 30 Minuten Autofahrt war ich wieder zurück am Campingplatz.

2 Tage musste ich danach noch am Campingplatz ausharren, bevor ich einen Flug nach Hause organisiert hatte – 2 Tage in denen ich mein Zelt praktisch nicht verlassen habe. Zu deprimiert und niedergeschlagen war ich von meinem Versagen. Ich fragte mich ständig ob ich nicht zu schnell aufgegeben hatte. Doch bei jedem Schritt zum Sanitärgebäude wurde ich schmerzhaft daran erinnert, dass Aufgeben die einzige Option war.

Die Knie haben sich schnell erholt und zum Glück wurden die Schmerzen nur durch Überlastung ausgelöst und nicht von Bänder- oder Knorpelschäden. Ich habe gelernt, dass ich mich noch intensiver auf so eine Trekkingtour vorbereiten muss. Der Cape Wrath Trail hat mich 2017 mit 1-0 geschlagen, aber mittlerweile bin ich mitten in den Vorbereitungen für meinen 2. Versuch. Motivierter und stärker denn je werde ich den Cape Wrath Trail im Mai 2018 bezwingen!

 

Wandertraining ✔✔ CHECK 😊 . . . #outdoorfrau #training #frühling

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Anna

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